Freitag, 16. Juli 2021

Das Münsterland Wargaming Interview - Fragen zum Hobby an Ludger Fischer

Ein interessantes Gesprächsthema unter historisch interessierten Tabletop-Spielern ist es ja gelegentlich, das eigene Hobby zu "historisieren" und über die frühen Entwicklungen und den eigenen Weg ins Hobby zu sinnieren... zumindest uns von Münsterland Wargaming geht es so, und das nicht nur im Hinblick auf die historische Sparte des Hobbies!

Beim l'Art de la Guerre-Treffen in Braubach kam nach vielen interessanten Gesprächen mit Veteranen des Hobbies die Idee auf, unseren Blog für ein Interview (oder vielleicht sogar mehrere?) zu nutzen. Für dieses Projekt stellte sich dankenswerter Weise ein Mann zur Verfügung, dessen Name sich unter Spielern historischer Tabletops sicherlich großer Bekanntheit erfreut, Ludger Fischer. Für einige Mitglieder unserer Spielrunde stellte er in den späten 90er Jahren die Verbindung zu einer größeren Hobby-Gemeinde her. Hier also, für den geneigten Leser, das Interview:

Münsterland Wargaming: Wann war Dein erster Kontakt zum Thema Tabletop bzw. Wargaming?

Ludger Fischer: In der Rückschau weiß ich, dass mein Bruder und ich bereits in den 60ern mit unseren Cowboy- & Indianerfiguren auf allen Vieren mit Schullineal und Würfel gespielt haben.Wir hielten sogar in einer Art Chronik einige Ereignisse fest. Berittene und Figuren hatten unterschiedliche Zugweiten, Waffen unterschiedliche Reichweiten, es gab leichte und schwere Wunden usw., zwar alles noch unsystematisch, aber die Grundlagen waren bereits da. (Sheriff "Red" Gardiner mit seiner Schrotflinte ist mir noch in Erinnerung.) 

Anfang der 70er warb dann der Fantasy-Club FOLLOW unter anderem mit dem strategischen Spiel ARMAGEDDON und ich trat bei. Damit hatten wir das erste Regelwerk und die ersten wichtigen Kontakte nach außen.

M.W.: Was macht für Dich ein gutes historisches Tabletopsystem aus?

L.F.: Man sollte auf einer plausiblen Entscheidungsebene* ständig gefordert werden, ausschlaggebende Entscheidungen zu treffen. (* Der Feldherr muss nicht alles selber machen, aber das Ganze leiten sollen.) Das Flair sollte erhalten sein - ist natürlich sehr von den persönlichen Vorlieben abhängig. 

Plänkelsysteme sind mir oft zu generisch, aber PBI ( 2. Weltkrieg, Kompanieebene ) mag ich sehr. Leider lassen viele napoleonische Regeln oft 3-4 Bataillone Infanterie, 1 Batterie und 1 Reiterschwadron gegeneinander antreten, so ein Brigadegefecht gab es aber praktisch nicht, so etwas missfällt mir dann.

M.W.: Hand auf’s Herz: Bekommt man Epochenflair und Turniertauglichkeit bei einem Tabletopsystem unter einen Hut?

L.F.: Leider nicht immer. Thematisch ausgeschriebene Turniere schon, hatten wir bei der 6. Ausgabe bereits hingekriegt, und Anfang des Jahrtausends war es einigen DBM Turnieren von Tilman Walk auch gelungen. An der Turniertauglichkeit von zum Beispiel PBI oder Chain of Command habe ich starke Zweifel, wenn gleich dort das Flair recht hoch ist.

M.W.: Welche historische Epoche fasziniert Dich am meisten für Tabletopspiele? Bevorzugst Du historische Paarungen?

L.F.: Über Jahrzehnte hinweg habe ich fast ausschließlich Antike/Mittelalter gespielt, sicherlich mit Phasen mit bestimmten Lieblingsfaktionen. Das reicht von Neuem Ägyptischen Reich und Assur, über Griechen und Perser, Römer und Karthagern, (überraschend vielen) Chinesen und vor allem der Völkerwanderungszeit bis zu den Kreuzzügen. Im Moment baue ich gerade etwas für den Hundertjährigen Krieg auf: Navarra! 

Ich bevorzuge historische Paarungen, ziere mich aber bislang nur bei PBI, seit über einem Jahrzehnt ein zweites Standbein, ahistorische Paarungen nicht absolut zu vermeiden. Bei Antiken/Mittelalter Turnieren muss ich das natürlich weitherziger handhaben.

M.W.Die einschlägigen deutschen Zeitschriften – insbesondere Spielwelt, ZauberZeit und Wunderwelten – haben damals (in den 80er/90er Jahren) neben Rollenspiel und Brettspielartikeln auch Kosim- und Tabletopbeiträge veröffentlicht. Wie stark war die Überschneidung der Themen Rollenspiel, Kosim und Tabletop denn in der Spielpraxis? 

L.F.: Wir Spiele"Nerds" waren so dünn gesät, dass sich zum einen die Genres ohnehin überschnitten, eine Zeitlang habe ich zum Beispiels praktisch alles gespielt, zum Teil auch, um meine potentiellen Mitspieler mit anderen Präferenzen bei Laune zu halten.

Es gab in den 80ern langjährige Rollenspielkampagnen, die entscheidende Schlachten ihrer Kampagnen bei und von uns Tabletoppern austragen ließen. Sehr merkwürdig, wenn Du eine kühne Attacke einleitest und neben Dir bricht jemand in Gejammere und Gezeter aus, weil er um seine lang gehegte Spielerfigur zittert.

M.W.: Diese Zeitschriften sind seit langer Zeit verschwunden. Deswegen ist die folgende Frage etwas hypothetisch: Haben sich die unterschiedlichen Hobbystränge mit Blick auf ihre jeweilige Klientel auseinanderentwickelt?

L.F.: Das Internet mit seinen geringeren Kosten für die Ersteller wie für die Bezieher der Artikel und der leichteren Erreichbarkeit hat denen schon vom Prinzip her das Wasser abgegraben.

Nach Einstellung der SPIELWELT habe ich zum Beispiel nur noch einen zuvor versprochenen Rollenspielbeitrag für WUNDERWELTEN geschrieben, nachdem das Erste und Einzige, was ich von deren Redaktion gehört hatte, die lapidare Mitteilung war, eine Fortsetzung meiner Tabletopartikel "Alexander, Caesar & Co"** sei unerwünscht. Wenn man so mit Autoren umgeht, die sich die Arbeit ja unentgeltlich aus Spaß an der Freud machen, umgeht, darf man nicht erstaunt sein, wenn man keine weiteren Beiträge bekommt.

**im Netz mittlerweile bei www.pink-unicorn.tv einsehbar

M.W.: Die Verbindungen von WHFRP und WHFB sind bekannt, DSA hatte Armalion und Schicksalspfade, (A)D&D das „Battlesystem“. Gabe es jemals Überlegungen, Midgard ein Tabletop zu spendieren?

L.F.: Es gab von Bernd Lehnhoff einen Versuch, der sich zu seinem Spiel "Horden & Helden" weiterentwickelte. Dort https://huhhome.lima-city.ch/  gibt es auch noch immer Armeelisten für die Reiche auf Midgard.

Jürgen Franke hat in "Sturm über Mokattam" wiederum mit den regeltechnischen Mitteln des FRSp eine große Schlacht dargestellt. Meines Erachtens würde sich ein zweiter, tieferer Blick hierauf durchaus lohnen.

M.W.: Du hattest – vorsichtig gesagt – großen Anteil an der Einführung der WRG Rules (zuletzt: 6. Edition) in Deutschland. Wie bist Du zum Übersetzungsauftrag der WRG Regeln gekommen?

Ich hatte den Leuten von HOBBY PRODUCTS wieder und wieder in den Ohren gelegen, dass man die Regeln übersetzen sollte. Als etablierter Spieler des Systems hatte ich einem fachfernen Übersetzer gegenüber einen großen Vorsprung und - um das Hobby zu fördern - sehr geringe Honorarvorstellungen.

M.W.: Erneut WRG 6.: Habt Ihr WRG 6. überwiegend als Turniersystem gespielt? Wie verbreitet war es, historische Paarungen oder Kampagnen zu spielen? Wie intensiv wurden die Regeln – wie in einem eigenen Kapitel angeregt – für fantastische Settings genutzt?

L.F.Wir waren in den späten 80ern so ein Kreis von zwei Dutzend Spielern, die sich so in Dutzendstärke einmal die Woche (freitags, wegen OpenEnd) trafen. Es wurde formlos gesagt: "Wer möchte gegen meine Byzantiner antreten?"  --- "Neee, ich habe nur meine Römer dabei..." --- "Okay, dann nehm‘ ich meine Karthager!"   

1250 Punkte ohne Zeitlimit wurde vorausgesetzt. Ich erinnere mich daran, einmal morgens direkt mit der Bahn nach Hause gefahren zu sein - die fuhren schon wieder!

Wir haben im Laufe der Jahre mehrfach auch Kampagnen gespielt, mit einer Ausnahme gab es dort nur historische Paarungen. Fantasy-Ansätze gab es nur als "Auftragsspiele" für die im Umfeld laufenden Rollenspielkampagnen.

M.W.: Im Oktober 2019 fand das voraussichtlich letzte große deutsche WRG-Turnier statt. Empfindest Du Wehmut oder bist Du innerlich längst weitergezogen?

L.F.: Sowohl als auch - es ist natürlich auf eine Art das Ende einer Ära, Anfang der 90er hatten wir Teilnehmerfelder mit über 70 Spielern, in den letzten Jahren nur noch ein gutes Dutzend an den Tischen. Ich selbst habe es seit 1999 nicht mehr gespielt, mir wurde das Simultanzugsystem zu stressig.

Nach langen Jahren DBM stieg das Umfeld auf FOG und DBMM um - da habe ich vor einigen Jahren in beiden Systemen im gleichen Jahr Preise für "den besten Anfänger" :-) eingeheimst! - und ich selbst fand/finde beides nicht reizvoll, aber PBI gab mir fetzige Spiele als Ausgleich.

M.W.: Gab oder gibt es eine „Goldene Ära“ des Hobbies?

L.F.: Die frühen 90er - Clubs, Spieletreffs an vielen Ecken in Deutschland.

Alle Antike/Mittelalterspieler spielten ein System ( 6. Ausgabe ) und zwar weltweit - Du konntest ins Auto oder Flugzeug steigen, in England auf Turnieren mit Hunderten und in Deutschland mit über 70 Spielen. Auswärtige kamen ohne Vorwarnung oder Absprache freitags um 19 Uhr, ob nun aus Darmstadt, Frankreich oder London (!) nach Wuppertal - sie wussten, sie kriegen ein Spiel!

M.W.: Was ist Deine Lieblingsanekdote aus der Wargaming-Welt der 80er/90er Jahre?

L.F.: Schwere Frage - ist wohl ein wenig stimmungsabhängig.

Ein leider vor kurzem verstorbener Spieler blafft seine damalige Freundin an: "Und überhaupt, seitdem Du hier am Tisch sitzt, geht alles schief!" Kurze Zeit später lief er dann leichenblass herum. ob jemand gesehen habe, wo sie hin sein. (Ich habe sie erst gar nicht dabei gehabt!)

M.W.: Das Tabletophobby ist nach wie vor sehr angelsächsisch geprägt. Du betreibst und spielst seit einigen Äonen in Deutschland Tabletop. Gibt es Deiner Ansicht nach besondere Merkmale der deutschen Tabletoplandschaft oder spezifisch deutsche Tabletopvorlieben?

L.F.: Es gibt natürlich individuelle Vorlieben und gewisse ausgetrampelte Pfade einzelner Spielegruppen. Aber was ich mehr als einmal gehört habe:

"You hate to use the whole table?!"  --- Naja, schon Schlieffen hatte zur Konzentration der Kräfte geraten...

"The typical Geman way of wargaming - pick the best army, then turbocharge it!" - Briten unter sich - gerade waren Gustav Adolphs Schweden einmal über englische New Model Army hinweggefegt.

Meiner Beobachtung nach sind Briten oft damit zufrieden, nicht verloren zu haben. Der Pub ist noch auf - wir gehen jetzt rasch rüber und ich kann mein warmes Bier ungeschlagen genießen. Bei uns sehen sich bei einem Unentschieden beide Seiten als unzufriedene Nicht-Sieger. Bei dem einem Spiel bis jenseits des Morgengrauens hatte ich als Unbeteiligter bereits seit Stunden ein Unentschieden vorhergezeigt, beide Spieler hatten es knurrig verbissen verneint!

M.W.: Wie siehst Du die Zukunft des historischen Tabletop in Deutschland?

L.F.: Es hängt davon ab, wie flockig und locker wir aus den uns zur Zeit auferlegten Einschränkungen herauskommen. Werden uns die Entzugserscheinungen mit Tatendrang vollpumpen und eine Explosion an Aktivitäten auslösen, oder werden wir uns frustriert in unsere jeweiligen Schneckenhäuser zurückziehen? Ich weiß es nicht!

Unabhängig von COVID19 und den Gegenmaßnahmen, ging es schon im Vorfeld den Spielezirkeln um diverse Regelsysteme schlecht: 6te, FOG und auch bereits Flames of War. Die auferlegten Kontaktbeschränkungen werden es nicht leichter machen.

Vielleicht - nur vielleicht - ist AdlG ja ein Kompromiss, um den sich die Antike/Mittelalter Spielenden scharen können.

M.W.: Drei Buchtitel, die jeder Tabletopper gelesen haben sollte?

L.F.: Drei?!?

John Keegan, Die Kultur des Krieges   

J F C Fuller, The Decisive Battles of the Western World  

Tony Bath, Setting up a Wargame Campaing   

https://de.scribd.com/document/383763418/Tony-Bath-s-Setting-Up-a-Wargames-Campaign

Fuller und Keegan gibt es in etlichen Ausgaben, ansonsten was immer Du von Don Featherstone zu fassen kriegen kannst - die Graswurzeln des Hobbys! - und für Antike/Mittelalter alles der "Armies & Enemies..." von der WRG - außer dem Chinaband!


Vielen Dank für das Interview!

 Münsterland Wargaming 

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